62 Kinder in zwei Jahren - Die Prenzlauer Schultütenaktion ist zur Erfolgsgeschichte geworden
Vorgeschichte. Am Anfang stand eine etwas undurchsichtige, dabei aber nicht weniger gute Idee. Das war im Jahr 2008. DIE LINKE in Oberhavel hatte erfolgreich eine Aktion zum Schulstart organisiert und wir fanden die Idee gut und nachahmenswert. Trotzdem fehlte bei den meisten zunächst der Glaube an eine erfolgreiche Kopie. Also mussten eigene Ideen her. Zudem war der Zeitraum zu kurz, um sich noch für 2008 – es war zudem Kommunalwahlkampf – dieser guten Idee anzunehmen. Die Ideen waren da und wurden für 2009 zum Programm. Zunächst kreisweit angedacht, entwickelten sich dann Aktionen in Prenzlau und Schwedt.
In Prenzlau gab es frühzeitig Vorbereitungen; die Verantwortlichen wurden festgelegt und eine aufwändig gestaltete Werbung für die Aktion in der Bevölkerung verteilt. Dank Pauline Hildebrandt hatten wir ein (fast) Schulkind, das mit Mimik und Gestik eine eigene Botschaft näherbrachte. Und der Erfolg war unerwartet groß: Mit dem gesammelten Geld – und es waren keine Parteigelder im Einsatz – schafften wir es, 28 Kinder mit Schulmaterialien mit einem Wert von jeweils 100 bis 120 Euro auszustatten, davon 15 komplett gefüllte Ranzen mit Zeichenbeutel und 13 gefüllte Tüten mit Grundbedarf. Jedes Kind bekam zudem eine Zuckertüte überreicht. Insgesamt hatten sich über 50 Spender beteiligt. Ca. 1.700 Euro wurden an Geldspenden überwiesen und für rund 800 Euro Sachspenden. Ein hoher Standard, wenn man bedenkt, dass Grundschulklassen max. 25 Kinder umfassen und es im Gebiet Prenzlau wahrscheinlich nicht mehr als zehn bis elf 1. Klassen gibt.
Sehr gute Partner hatten wir mit der Kinder-Service-Stelle am Turmcarré/Lokale Bündnisse für Familien und der Partnergesellschaft Stegemann & Göde (SoFa) im Dreke-Ring.
Dem Vorwurf, nur Wahlkampf zu betreiben – es waren dieses Mal Landtags- und Bundestagswahlen angesagt und Prenzlau wählte zudem noch seinen Bürgermeister – setzten wir das Versprechen entgegen, auch 2010 wieder eine Schultütenaktion zu machen. Die Erwartungen an eine solche waren hoch und mussten sich am Ergebnis von 2009 messen lassen. Ein anspruchsvolles Ziel!
Was sollten die Aktionen nun aber eigentlich bewirken?
Der Schulstart für ein normales Kind kostet zwischen 180 und 200 Euro, und da ist eine angemessene Feier noch gar nicht eingerechnet. Woher nehmen ALG II-Empfänger und Familien mit geringen Einkommen dieses Geld, um ihren Kindern einen gleichberechtigten Beginn ihrer Schulzeit ermöglichen zu können? Diese Frage quälte uns immer wieder in der Vorbereitung. Schließlich sahen wir bei den Besorgungen der Materialien die Kosten. Schnell wurde klar: Selbst 100 Euro reichen für einen Ranzen mit dem Grundsortiment und einen gefüllten Zeichenbeutel nicht aus. Tatsächlich hatte sich die Bundesregierung ab 2009 endlich dazu durchgerungen, bedürftigen Elternhäusern ein Startguthaben von 100 Euro für Schulbedarfsmittel zu stellen. Nur, wie weit kommt man damit? Wir LINKEN in Prenzlau waren – und sind es immer noch – der Meinung: DAS REICHT NICHT!
Eine vernünftige Grundausstattung für einen Erstklässler ist mit diesem Startguthaben nicht zu bekommen. Und wir wissen es aus unserer mehr oder weniger lange zurückliegenden eigenen Schulzeit bzw. weil wir mit wachem Auge in unserer Gesellschaft leben: Bleistifte, Lineale, Schreibhefte und -blöcke etc. halten nicht ewig. Ein Patronenfüller für einen Schreibanfänger hält selbst bei guter Pflege sowie wachsamen Eltern und Lehrern bestenfalls ein halbes Jahr. Hausaufgabenhefte und das gesamte Drumherum sind teuer, der anfallende Nebenbedarf kostet enorm viel Geld. Allein eine gefüllte Sporttasche kostet um 100 Euro.
Alle klagen über Leistungsstandards und fehlende Qualifikation. Damit aber am Ende gute Bildung herauskommen kann, muss die Gesellschaft zunächst investieren. Wenn der Verzicht bereits in der 1. Klasse anfängt, welche Chancen haben dann die Kinder in ihrem weiteren Schulleben? WIR WOLLTEN HELFEN! Und wir haben geholfen.
Gut zwei Monate früher als 2009 machten sich vorwiegend die Genossen Jens Schröder und Jörg Dittberner an die Vorbereitungen, um die benötigten Geldmittel zu beschaffen. Immerhin sollten wenigstens 2.500 Euro wieder beschafft werden. Die Öffentlichkeit wurde einbezogen, eine Informationskarte gedruckt und ausgegeben und die Prenzlauer Zeitung berichtete ebenfalls.
Und es gab die Spender, die unser Ansinnen unterstützten. Aus der ansässigen Wirtschaft kamen Spenden, bei unserer Kabarettveranstaltung spendeten die Besucher, Versammlungen der Partei und kleine Feste wurden genutzt, um die benötigten Gelder einzuwerben. Und es kamen Sachspenden. Nach und nach füllte sich die Geschäftsstelle mit Ranzen, zunächst noch spärlich, dann Dank unseres Hauptlieferanten TIPATO Büroservice Reinke, in größerem Umfang. So wie die Namen der Kinder eingingen, wurden Ranzen bestellt.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Über 4.000 Euro sind 2010 an Sach- und Geldspenden zusammengekommen. Und mit diesem Geld wurden ausschließlich Schulmaterialien besorgt. Damit jeder noch einmal eine Vorstellung davon bekommt, was die gefüllten Ranzen mit Zeichenbeutel umfassen, sei hier noch einmal die Liste der Materialien gegeben: 1 strapazierfähiger Schulranzen, mindestens 2 Patronenfüller, mindestens 2 Bleistifte (weich), 1 Anspitzer (wir haben zwei daraus gemacht), 1 Radiergummi (auch hier haben wir verdoppelt), 1 Satz Buntstifte (Holz, mindestens 6 Stück), 1 Plastelineal 15 cm, 1 Pinsel-Set (Flach- und Rundpinsel), Schulmalfarben (Grundsortiment), 1 Mischpalette, 1 Pinselbecher, 1 Packung Knete, 1x Buntpapier (gummiert A4), je 1 Zeichenblock A4 und A3, Filzstifte in den Grundfarben, 1 Schere (für Kinder geeignet, auch hier sind überall zwei enthalten), 1 Klebestift (ebenso zwei), je 1 Plasteschnellhefter (in den Farben rot, blau, grün, gelb), 1 Notenheft A4, 1 Hausaufgabenheft (Standardausführung) mit Schutzhülle, 1 Löschblattblock, 1 Federtasche (wir haben sie gefüllt), 1 Kramtasche (Schlamperrolle, auch gefüllt), 1 Zeichenbeutel (gepackt), 1 Brotbüchse und 1 Trinkflasche sowie Papiertaschentücher. Ein umfassendes Paket.
30 Kinder aus dem Gebiet Prenzlau werden 2010 mit einem derart komplett gepackten Startset ausgestattet werden. Allein die Schulranzen haben einen Wert von durchschnittlich 80 Euro. Vier weitere Kinder werden Schulmaterialien erhalten, ohne den Ranzen, nach individuellem Bedarf. Der Gesamtwert pro Kind liegt bei rund 110 Euro. Wesentlich wichtiger als der Geldwert ist der ideelle Anspruch: „Es ist kaum zu glauben, dass in unserer heutigen Zeit noch jemand, der bedürftig ist, etwas geschenkt bekommt. Ich wollte das eigentlich nicht glauben. Aber jetzt bin ich überzeugt und habe wieder mehr Glauben an unsere Gesellschaft. Wir sind sehr dankbar dafür.“ – Worte einer dankbaren Mutter. Was will man da noch ergänzen?
Richtig! Es geht nicht ohne verlässliche Partner. Neben den vielen Spendern, es sind weit über 100, sind das unsere Freunde von den Sozialstationen von der Partnergesellschaft SoFa und der Kinder-Service-Stelle „Aussicht Uckermark“ e.V. Ohne deren unermüdliches Werben hätten wir kaum die richtigen Empfänger gefunden.
Wir konnten 2010 das Vorjahresergebnis deutlich überbieten, nicht immer ohne Schwierigkeiten und Stress. Aber der Erfolg, die leuchtenden Kinderaugen entschädigen, wiegen die Kraftanstrengungen der letzten drei Monate auf. Es hat sich in diesem Jahr gezeigt, das unser Motto: „Gemeinsam sind wir stark!“ die notwendige Ausstrahlungskraft hatte. Und Erfolg sollte man fortsetzen. Auch 2011 wird es in Prenzlau wieder heißen: Wir füllen einen Ranzen für dich!
Allen, die geholfen haben dieses Ergebnis zu erreichen, sei herzlicher Dank gesagt. Am 19. August werden die Kinder ihre Ranzen und Materialien sowie eine Zuckertüte abholen können. Die Sozialpartner und wir haben uns darauf vorbereitet.
Im Namen aller Helfer – Jörg Dittberner
„Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“
Albert Schweitzer